Rätsel gelöst


Der "Piano Man" taucht auf


22. August 2005 Es war ein winterlicher Sturm, der die englische Grafschaft Kent in der Nacht zum 8. April heimsuchte. An der Strandpromenade der Isle of Sheppey fuhr ein Streifenwagen zur späten Stunde seine letzte Patrouille. Schneeregen legte sich über die Küste und ließ die Temperaturen fallen. Irgendwo in der Ferne taumelte ein Mann, der in einem vollkommen durchnäßten schwarzen Anzug steckte und eine dunkle Krawatte trug. Der Mann schwieg. Er sprach nicht ein einziges Wort, als die Polizisten ihn kurz nach Mitternacht aufgriffen und in die Notaufnahme des Medway Maritime Hospital in Gillingham brachten. Damals konnte noch niemand ahnen, daß der stumme Pianist eigentlich aus Bayern stammt, homosexuell ist und den schweigsamen Autisten nur mimt.

Denn auch im Krankenhaus Little-Brook-Hospital in Dartford, wohin man ihn bald verlegte, hielt ihn die Sprachlosigkeit gefangen. Außer seiner Kleidung schien dem mysteriösen Fremden aus dem Meer, für den ihn alle hielten - auch Ärzte und Psychologen - nichts geblieben. Er trug weder Ausweispapiere noch sonstiges bei sich. Selbst seine Kleidung gab keinen Hinweis darauf, woher der Angespülte kommen könnte, wo seine Heimat liegt. Selbst die Herstelleretiketten waren allesamt herausgetrennt worden, auch aus seinen Schuhen. Geblieben schienen dem hochgewachsenen Mann mit den steil aufragenden blonden Haaren nur seine Erinnerungen an die Musik. Auf ein Blatt Papier zeichnete er, anstatt zu sprechen, ein Podium, auf dem ein Flügel stand. Scharfsinnig vermutete man sofort, daß es sich bei dem Stummen um einen Pianisten handeln könne, der einen Nervenzusammenbruch erlitt und so sein Gedächtnis verlor. Das Krankenhauspersonal führte den schweigsamen Blonden in eine Kapelle und setzte ihn an ein Klavier. Wunderschön sei seine Musik, hieß es, Tschaikowskys Schwanensee will eine Krankenschwester erkannt haben. Nach vier Stunden mußte man ihn mit Gewalt vom Klavier trennen.

Die Legende vom „Piano Man” ging um die Welt

Die Legende vom stummen Pianisten, dem „Piano Man”, wie ihn die Medien fortan nannten, ging um die Welt - und jenes Bild, das ihn mit großen, traurigen Augen zeigte. Kamerateams aus aller Welt stürmten die verwirrte Küste der Isle of Sheppey. Mehr als tausend Menschen meldeten sich in den Wochen nach dem seltsamen Ereignis bei der Polizei und behaupteten, der Gestrandete sei ihr ehemaliger Freund, ihr Nachbar, ein Kollege oder jemand, dem sie irgendwann einmal in ihrer Wohngegend begegnet seien. Manch einer sah in dem schüchtern blickenden Blonden schlicht einen illegalen Einwanderer und Betrüger. Mehr als zweihundert unterschiedliche Namen wurden genannt. Zwischenzeitlich war der Pianist ein französischer Straßenmusikant, dann ein tschechischer Rockmusiker namens Thomas Strnad und schließlich ein jahrelang vermißter Kanadier. Zwei Spuren führten auch nach Deutschland: Jemand war sich sicher, in ihm einen 42 Jahre alten Mann aus Wolfsburg erkannt zu haben. Ein anderer meinte, der „Piano Man” sei ein Musikstudenten aus Münster. Gewiß handele es sich bei dem Unbekannten um einen Schiffbrüchigen, der sich nur mühsam an Land habe retten können und nun unter Schock stehe, spekulierten andere. Doch alle Hinweise führten in die Irre. Der Pianist blieb im Krankenhaus. Und mit der Zeit interessierten sich immer weniger für den Mann aus dem Meer.

Bis am Montag die englische Zeitung „Daily Mirror” berichtete, am Freitag habe eine Krankenschwester das Zimmer des vermeintlich gedächtnisgestörten Patienten betreten und ihn gefragt: „Werden Sie heute mit uns sprechen?” Der „Piano Man” soll daraufhin sein monatelanges Schweigen plötzlich und unerwartet gebrochen haben. Er antwortete: „Ja, ich denke, das werde ich tun.” Der anfangs so rätselhafte Fall von Amnesie scheint nicht mehr als eine große Täuschung zu sein. Der Pianist habe niemals wirklich unter Gedächtnisverlust gelitten, zitiert der „Daily Mirror” eine anonyme Quelle im Little-Brook-Hospital in Dartford. Das Personal sei vollkommen verblüfft gewesen: „Wir dachten”, sagte ein Krankenhausangestellter, „er würde für immer bei uns bleiben.”

Homosexuell und Sohn eines bayerischen Bauern

Nun aber erzählte der „Piano Man” der Welt seine wahre Geschichte. Er sei ein Deutscher, sagte er, homosexuell und Sohn eines bayerischen Bauern. Außerdem habe er noch zwei Schwestern. Mit dem Eurostar-Zug soll er von Paris nach Großbritannien gereist sein. In Frankreich, wo der einst sprachlose Pianist arbeitete, verlor er seinen Job. Als die Polizei ihn am 8. April in einem durchnäßten Abendanzug und ohne Papiere am Strand von Kent aufgriff, soll er kurz vorher versucht haben, sich umzubringen. Offenbar erlitt er ein psychisches Trauma und sprach nicht mit der Polizei. Von da an aber hat er sein Schweigen gewahrt - auch, als ihn später die Ärzte untersuchten.

Beim Simulieren halfen dem zwei Meter großen und zwanzig Jahre alten Mann wohl auch seine Berufserfahrungen: Weil er früher mit psychisch kranken Menschen gearbeitet hatte, konnte er ihre charakteristischen Verhaltensweisen imitierten. Auf diesen Trick sind sogar sämtliche behandelnden Ärzte hereingefallen. Und auch wunderschön Klavier konnte der „Piano Man” niemals spielen. Nur eine einzige Taste soll er in Endlosschleife gehämmert haben. Inzwischen ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Die Botschaft in London soll ihm die notwendigen Papiere ausgestellt haben. Sein Name soll frühestens dann bekanntgegeben werden, wenn die Behörden ihre eigenen Untersuchungen abgeschlossen haben. Ärzte, die sich darum bemüht hatten, die Identität ihres rätselhaften Patienten zu klären, die ihn monatelang behandelt und umsorgt hatten, wollen ihn nun auf Schadensersatz verklagen.

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Das Auswärtige Amt in Berlin hat bestätigt, daß es sich bei dem sogenannten Piano Man um einen Deutschen aus Bayern handelt. Die Deutsche Botschaft in London sei mit dem Mann im Zuge eines „Konsularfalles” befaßt gewesen. Offenbar hat das psychiatrische Krankenhaus, in dem er wegen seines Gedächtnisverlusts behandelt wurde, nach der Vergewisserung über seine Identität die Botschaft informiert. Dort sei am Freitagabend konsularische Hilfe geleistet worden, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin mitteilte. Die Konsularabteilung der Botschaft habe sich der Identität des Mannes vergewissert und im dann eine Identitätsbescheinigung ausgestellt, um ihm den Heimflug nach Deutschland zu ermöglichen. Zur Feststellung der Identität sei nicht zwingend eine Rückfrage bei den Einwohnermeldebehörden im Inland notwendig, es gebe dazu zahlreiche Möglichkeiten. Über die mutmaßliche Erkrankung des Mannes machte das Auswärtige Amt keine Angaben. Der Betreffende habe angegeben, er wünsche keine Weitergabe des Falles an die Öffentlichkeit.

Agencias: AP
Autor: Melanie Mühl
Medio: FAZ.NET
Fecha: Lunes 22 de agosto de 2005
Notas: © F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2005
Text: FAZ.NET mit Material von AP
Bildmaterial: AP
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