Amnesie war Täuschung


Der Piano-Mann ist Bayer


Das Rätsel um den Piano-Mann ist gelöst: Viereinhalb Monate nach der Einweisung des sprachlosen Unbekannten in die britische Psychiatrie hat sich nun herausgestellt, dass der Mann ein gänzlich unmusikalischer Bauernsohn aus der Oberpfalz ist.

Mit Kaspar Hauser ist er schon verglichen worden; tatsächlich scheint es nun, als teile der „Piano-Man“ mit dem berühmtesten Findelkind der Geschichte zumindest die Nationalität.

Das Rätsel der Identität des Mannes, der im April auf der Insel Sheppey nahe der Küste von Kent durchnässt und sprachlos aufgegriffen wurde, scheint gelöst: Es ist ein Deutscher, ein junger Mann aus der Oberpfalz.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte am Montag, bei dem „Piano-Man“ handele sich um einen 20 Jahre alten Mann aus Bayern. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung stammt er aus der oberpfälzischen Stadt Waldmünchen.

Im Rathaus der Stadt war zunächst nichts über den berühmten Rückkehrer bekannt. „Der Piano-Man soll von uns sein?“, fragte eine Mitarbeiterin im Rathaus und holte tief Luft. „Cool.“ Noch gibt es keine offizielle Bestätigung, aber Bürgermeister Franz Löffler sagte, er werde mit der Familie sobald wie möglich Kontakt aufnehmen und sehen, was die Stadt für sie tun könne.

„Er möchte keinen Kontakt zur Öffentlichkeit haben“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Der Mann habe sich an die Botschaft in London gewandt, die habe ihm die Papiere für die Rückreise nach Deutschland verschafft.

Bereits am Samstag sei er zurückgeflogen. Wie es dem Mann gesundheitlich geht, ob er weiter behandelt wird und ob er zu seiner Familie zurückgekehrt sei, wollte das Auswärtige Amt nicht sagen. Es gibt Meldungen, wonach sein Vater und seine zwei Schwestern einen Bauernhof betreiben.

Sicher ist, dass der blonde, groß gewachsene Mann, der in scheinbar völlig verwirrtem Zustand in die Psychiatrische Klinik Little Brook in Dartford eingeliefert worden war, am Samstag als geheilt entlassen wurde.

Der britische staatliche Gesundheitsdienst NHS enthält sich aus Datenschutzgründen jeden weiteren Kommentars. Auch das Innenministerium in Bayern hält sich zurück: Es gebe keinen Anlass für Ermittlungen gegen den Mann.

Die britische Zeitung Daily Mirror zitiert inoffizielle Quellen, denen zufolge der Unbekannte kürzlich sein gut viermonatiges Schweigen gebrochen habe.

Er habe einer Krankenschwester eröffnet, er sei ein Deutscher, der bis April in Paris gearbeitet, dann jedoch seinen Job verloren habe.

Daraufhin sei er mit dem Eurostar-Zug nach England gefahren und habe sich im Meer ertränken wollen, als die Polizei ihn am Strand von Sheppey aufgriff.

Seinen Spitznamen gaben die Medien dem „Piano-Man“, nachdem berichtet worden war, er sei virtuoser Pianist und habe vor Klinikpersonal ein zweistündiges Konzert gegeben. Davon könne keine Rede sein, so der Mirror.

In Wahrheit habe er immer nur eine einzige Taste des Klaviers in der Klinikkapelle gedrückt, um eine Art Autismus vorzutäuschen. Die Kritik am Können des Patienten wies die Klinik zurück. Der Mann habe früher mit psychisch kranken Menschen gearbeitet und deshalb die Symptome einer Amnesie gekonnt vortäuschen können, hieß es weiter im Mirror.

Das mysteriöse Verhalten des Mannes hatte in den vergangenen Monaten zu wilden Spekulationen über seine Herkunft geführt. Unter anderem war vermutet worden, er sei ein französischer Straßenmusikant oder ein tschechischer Konzertpianist. Eine Wolfsburgerin wollte in ihm ihren „Nachbarn mit den traurigen Augen“ erkannt haben.

Mehr als tausend Leute weltweit hatten sich gemeldet und behauptet, der „Piano-Man“ sei ihr Ex-Freund, ihr Nachbar oder ihr Kollege.

Warum der Patient seine Identität nicht früher preisgab, bleibt unklar. Zudem ist nicht bekannt, ob er während des Heilungsprozesses sein Gedächtnis wiedergefunden hat oder ob er die ganze Zeit nur simuliert hat.

Es kann sein, dass auf den Oberpfälzer noch Rechnungen zu kommen. Der Klinikaufenthalt dürfte mehrere tausend Pfund gekostet haben. Der National Health Service prüfe derzeit eine Klage wegen Erschleichung von Dienstleistungen, heißt es im Daily Mirror. Das Flugticket nach Hause immerhin hat der Mann bezahlt.

Autor: Alexander Menden panorama-online@sueddeutsche.de
Medio: sueddeutsche.de
Fecha: Lunes 22 de agosto de 2005
Notas: Copyright © sueddeutsche.de GmbH/Süddeutsche Zeitung GmbH
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